In
einer Seitenkapelle der Kathedrale von Santiago sieht man den Heiligen
Jakobus mit erhobenem Schwert, das gleich auf eine Schar von Männern mit
Turban niedersaust, um ihnen martialisch den Kopf abzusäbeln. Santiago,
der Maurentöter. Ein beliebtes Motiv in der jahrhunderte dauernden
kämpferischen Kirche gegen den islamischen Feind.
Vor ein paar
Jahren nun beschloss das Domkapitel, diese Figur zu entfernen, weil sie
nicht mehr zeitgemäß ist. Diese Entscheidung stieß auf den erbitterten
Widerstand der Traditionalisten. Die Figur muss bleiben, sonst gibt es
Ärger. Kein Wunder, dass ein schwertschwingender Jakobus den Ärger auch
nach Jahrhunderten gut anstacheln kann.
So haben wir nun zwei
Gruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die Verfechter eines
sich mit dem Islam versöhnenden Klerus und die Gruppe der
Traditionalisten, die um ihre schwindende Identität fürchten. Figur rein
oder raus? Das Domkapitel hat zwar die Macht, aber den Proteststurm
muss man erst einmal überstehen. Es kann doch nur einen Gewinner und
einen Verlierer geben, oder?
Die Lösung, von der ich hörte, klingt
schildbürgermäßig oder wie ein fauler Kompromiss. Doch manchmal liegt
die Lösung eben auf einer höheren Ebene. Und wie machten das die
einfallsreichen Spanier? Nun, die "Mauren" bilden den Sockel der Figur
und befinden sich folglich unten. Jetzt wird diese Figur über und über
ordentlich mit Blumen geschmückt. So ist nicht mehr erkennbar, was
Jakobus dort mit dem Schwert macht. Er könnte jetzt also auch Blumen
köpfen. Die Traditionalisten haben sich durchgesetzt: Die Figur bleibt.
Der Domklerus hat sich auch durchgesetzt: Die Anstößigkeit verschwindet -
zwar nicht aus der Kathedrale, aber hinter einem Berg von Blumen. Der
nicht wissende Betrachter wird entzückt sein von der spanischen
Frömmigkeit, die jederzeit ihren Heiligen in einem Blumenmeer versinken
lässt.
Manchmal scheint es im Leben nur ein
entweder/oder zu geben. Einer gewinnt und Einer verliert. Für eine
Gemeinschaft ist das aber keine wirkliche Lösung, weil der Verlierer den
Verlust auf die Dauer nicht so widerstandslos hinnimmt. Besser ist es,
eine Lösung zu finden, wo beide Parteien gewinnen. Die Blumen des
Heiligen Jakobus erweisen sich als klugen dritten Weg. Solltest du
demnächst in eine Situation hineingeraten, in der es zu einer
Entscheidung kommt mit möglichen Gewinnern und Verlierern erzähle doch
die Geschichte von Santiago de Compostela und dem geschmückten Jakobus.
Dann lade deine Gruppe dazu ein, nach einer Lösung auf ähnlicher Ebene
zu suchen. Deine Kinder wollen auf den Abenteuerspielplatz und Vater
möchte Ruhe haben. Aber die ganze Familie möchte auf jeden Fall den Tag
gemeinsam verbringen. Entweder verlieren die Kinder und verzichten auf
das Abenteuer oder der Vater verzichtet auf seine Ruhe. Na, fällt dir
eine Lösung ein, wie man den Vater oder die Kinder "mit Blumen"
schmücken kann?
www.matthias-koenning.de