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RSS Feed Das dritte Zeitalter

Sonntag 06.11.16 - Teil 3

Endlich startete der Wagen. Ich trat das Gaspedal durch. Der
Golf machte einen Satz nach vorn als freute er sich die Zombies abzuschütteln
und jagte die Straße in Richtung Innenstadt hinunter. Blitzschnell überschlug
ich unsere Möglichkeiten. 

Durch den Herrengarten zu fahren wäre sicherlich die
kürzeste Strecke gewesen, doch es gab dort auch viele Hindernisse und auszusteigen,
um ein Tor zu öffnen, war riskant. So steuerte ich kurz vor dem Tor zum Herrengarten nach
links, brach durch den Schlagbaum der Universitäts-Tiefgarage und hielt mich rechts um zwischen dem Konferenzhotel der TU und dem Haus der Geschichte
durchzufahren.

Unser Weg führte uns die Bleichstraße hinunter, am Schloss
und am neuen Gerichtsgebäude vorbei. Zwischendurch blitzte es in grellem Rot,
als wir einen der zahllosen innerstädtischen Blitzer auslösten. „Musst du immer
so rasen“, nörgelte Paul vom Rücksitz. „Du wirst noch deinen Führerschein
verlieren.“ Keine Ahnung woher er in dieser Situation seinen Humor nahm. Wir
lachten etwas gezwungen, doch es half uns mit der Situation umzugehen.

Es war nicht mehr weit bis zum Hauptbahnhof. Die Straßen lagen
verlassen und Verkehrsregeln scherten uns nicht. Trotzdem drossle ich das
Tempo. Es gab keinen Grund ein unnötiges Risiko einzugehen.

Ich bog in südlicher Richtung in die Kasinostraße und am
Kennedyplatz in westlicher Richtung auf die Rheinstraße. Sekunden später stieg
ich in die Eisen. Untote Menschen, Zombies, so weit das Auge reichte.

 „Verdammt“, fluchte
ich. 
„Das darf doch nicht wahr sein“, stöhnte Alex. Zu allem Überfluss schreckte
das Quietschen der Reifen eine kleine Gruppe Zombies auf, die sich sofort auf
uns zu bewegten. 
„Wir sind sehr beliebt!“ 
Ich rammte den Schalthebel in den Rückwärtsgang und holte alles aus dem Wagen
heraus, was drin war. Auf der Höhe der Kreuzung riss ich das Steuer herum. Ich war
gerade dabei den ersten Gang einzulegen als mein Gehirn etwas registrierte. Es
war nur ein diffuser Schatten in den Augenwinkeln. Meine Unterbewusstsein meldete eine
Gefahr, die ich jedoch nicht zuordnen konnte.  Es dauerte zu lange bis ich begriff.


Der Aufprall war mörderisch. Ein Berg von einem LKW schlug in unseren Golf
ein. Er schleifte uns zehn Meter weit mit, bis er uns wie ein langweilig gewordenes
Spielzeug beiseite fegte. Kurzzeitig wurde mir schwarz vor Augen. Mein Kopf
dröhnte wie eine Glocke. Als ich wieder zu mir kam, sah ich, wie der LKW
ungebremst in den Strom von Zombies eintauchte. Mit der trägen Masse von
mindestens zwanzig Tonnen pflügte er unaufhaltsam durch sie hindurch. 
Trotz
allem gelang es einigen Monstren sich am Fahrzeug festzuhalten und sich daran
hochzuziehen. Langsam arbeiteten sie sich zum Führerhaus vor. Was genau geschah
konnte ich aufgrund der wachsenden Entfernung nicht mehr erkennen, aber der LKW
begann zu schwanken, schaukelt sich auf, zog schließlich nach links, sprang
über die Gleise einer Straßenbahnlinie und bohrte sich schlussendlich in ein
architektonisches Meisterstück aus den frühen Siebzigern.

Sonntag 06.11.16 - Teil 2

Aus der Mauerstraße wankte eine seltsam gekrümmte Gestalt um
die Ecke, keine zehn Meter von uns entfernt. Sie humpelte und zog das rechte
Bein nach. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich den Grund, eine klaffende ekelerregende
Wunde am vorderen Oberschenkel. Aus meiner Zeit als Zivildienstleistender beim Rettungsdienst wusste ich, dass solche Wunden – aufgrund des großen Blutverlustes – innerhalb
einer Stunde zum Tod führen konnten. Die Gestalt schien sich daran nicht zu
stören. Mit hängendem Kopf und geisterhaftem Grinsen schaute sie sich um.

Ich erstarrte, hielt den Atem an. Es handelte sich um
einen älteren Mann, vielleicht Mitte fünfzig. Er trug einen fleckigen,
zerrissenen Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd und dezenter dunkelblauer Krawatte.
Die ergrauten Haare hingen ihm wirr über die Stirn und verdecken sein rechtes
Auge. Ehemals ein Bankangestellter, vielleicht ein Manager. Jetzt nur noch ein mordlustiger wandelnder Leichnam.

Unentschlossen ließ er seinen Blick nach allen Seiten
schweifen. Sekunden vergingen wie Stunden. Dann sah ich hinter mir weitere
Gestalten die Straße herunterkommen. Zuerst waren es zwei, dann fünf und schon
bald zehn, die aus Richtung Kopernikusplatz kamen. Einerseits wurde mir klar,
dass wir uns schnellstens in Sicherheit bringen mussten, andererseits war ich
vor Panik völlig gelähmt. Meine Beine glichen tonnenschweren Gewichten.
Verdrängte Erinnerungsfetzen an die Geschehnisse vom Frankfurter Hauptbahnhof
blitzten in schneller Folge vor meinem inneren Auge auf.

Es blieb mir jedoch keine Zeit auf meine Erinnerungen und die damit
verbundenen Gefühle einzugehen. Aus einem Nachbarhaus stürmte ein Mann zwischen mir und dem herannahenden Mob auf die Straße. In seiner Rechten hielt er eine Pistole. „Halt“, schrie er
und zielte mit der Waffe auf mich. „Weg vom Wagen!" Er gestikulierte mit der Waffe. "Sofort aussteigen! Der Wagen
gehört von jetzt an mir. Verschwindet.“

Die bisher gemächlich herannahende Zombiemeute hinter ihm, wurde von seinem Geschrei aufgeschreckt und angelockt.
Sie beschleunigten ihre Bewegungen. Er war so aufgeregt, dass er den Tod nicht kommen sah. 

Sollte ich ihn warnen? Was würde dann passieren? Würde er mit unserem Wagen flüchten und uns zum Sterben zurücklassen? Hin und her gerissen war
ich blockiert und verharrte in einer Schockstarre.

Als er sie endlich bemerkte war es schon zu spät. Sie waren
schon zu nah, um noch flüchten zu können. Es gelang ihm noch zwei der Zombies
niederzuschießen, doch drei andere überwältigten ihn und rissen ihn zu Boden. Er
schlug noch um sich, hieb mit seiner Waffe in die verzerrte Fratze eines
Zombies, entwand sich den Klauen eines Weiteren, hatte jedoch keine ernsthafte
Chance mehr.

„STEIG ENDLICH EIN“, schrie Alex. 

Das wirkte. Mühsam kämpfte ich mich aus meiner Benommenheit und sprang in den Wagen. Keine Sekunde zu früh. Der
einzelne Zombie vor uns verfolgte mich und schlug einen Wimpernschlag zu spät gegen die frisch geschlossene Tür. Adrenalin beschleunigte meine Bewegungen. Ich
drehte den Zündschlüssel, doch der Wagen startete nicht.

 „Echt jetzt?“, schrie
ich. Verzweifelt pumpte ich mit dem Gaspedal Benzin in den Motor. Der verdammte
Golf hatte uns in den letzten zehn Jahren nicht einmal im Stich gelassen, warum
ausgerechnet jetzt? Wie in diesen beknackten Horrorfilmen.
Der Zombie trommelte mit gnadenloser Härte gegen die
Fensterscheibe. Ich betätigte die Zentralverriegelung und hoffte, dass es ihm
nicht gelang, das Fenster zu zerstören. Alex schrie auf, auch auf ihrer Seite
wüteten dieselben entstellten Gestalten. Der Wagen erbebte. Im Rückspiegel sah
ich weitere Zombies herannahen. Schreckliche Fratzen mit leeren seelenlosen
Blicken überall.

Sonntag 06.11.16 - Teil 1

Das Telefon klingelte. Der Wecker zeigte 05.13 Uhr. Ich
tastete nach dem Handy. Auf dem Display blinkte ein lachender Steffen beim
Grillen. Ein Foto von der Feier zu seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag. Es kam
mir vor, als wären seitdem Jahrhunderte vergangen. 
Ich nehme den Anruf an.
„Ja?“
Steffens Stimme klang hart. „Sie sind da!“
Ich merkte wie sich in meinem Hals ein Kloß von wahrhaft
gigantischen Ausmaßen bildet. Ich konnte kaum atmen, begann am ganzen Körper zu
zittern. Obwohl ich eigentlich noch gar nicht richtig wach war, schien mein
Unterbewusstsein die tiefere Bedeutung seiner Worte zu erkennen.
 „Sie sind schon nahe
der Stadtmitte. Es dauert nicht mehr lange und sie fallen über uns her. Wir
werden sie so lange wie möglich zurückhalten.“ Die ruhige Sachlichkeit, mit der
er sprach, erschreckte mich.
„Pass auf dich auf“, setzte ich an, doch er unterbrach mich. 
„Sieh zu, dass du die Stadt verlässt. Denk an den Hauptbahnhof.“ Hinter seiner
Stimme gellten Schreie. 
„Sie kommen.“ Schüsse fielen. Das Geschrei wurde
lauter, chaotischer. 
„Bleibt hinter den Barrikaden“, hörte ich eine tiefe
Stimme rufen. „Wir werden nicht weichen! Feuer frei!“ Dann war die Verbindung
weg.
„War das Steffen“, fragte Alex verschlafen und schmiegte
sich an mich. Sie zitterte, hatte Angst, genau wie ich.
„Ja“, flüsterte ich.
So schnell es uns möglich ist weckte ich Paul, packten
unsere Sachen und stürmten die Treppe hinunter. Während Paul und Alex die
letzten Sachen im Auto verstauten, klingele ich in jeder Wohnung und gab die
schlimme Nachricht weiter. Kaum jemand reagierte darauf. Schockstarre. Sie hofften
in ihrer Wohnung sicher zu sein.

Ich wollte gerade einsteigen, als mir ein leises, schiefes
Heulen das Blut in den Adern gefrieren lies.

Samstag 05.11.16

Paul und ich hatten gestern noch lange geredet. Wir entschlossen
uns, Vorbereitungen für eine eventuell notwendige Flucht zu treffen. Pläne
wurden geschmiedet und wieder verworfen. Keiner von uns hatte jemals mit einer
solchen oder ähnlichen Situation zu tun. 
Schließlich teilten wir uns auf. Paul
kümmerte sich um unseren alten Golf und wartete ihn, während ich die
Supermärkte nach sinnvollen Lebensmitteln und anderen Materialien durchstöberte.
Das Alles erschien mir immer noch surreal. Wir leben im wahrscheinlich sichersten
Land der Welt und trafen trotzdem Vorbereitungen für eine Flucht. In den
letzten Jahren versuchten Millionen Menschen in unserem Land Zuflucht zu
finden, nun waren wir die Flüchtlinge. Wer würde uns Schutz und Obdach bieten?
Während ich in der
Innenstadt unterwegs war, fiel mir auf, dass andere ebensolche Vorbereitungen
trafen. Hamsterkäufe, Kämpfe um die letzte Dose Thunfisch oder Wurst.
Blindwütig schafften die Menschen überlebenswichtige Waren in ihre Autos. Auf
dem Weg zurück sah ich lange Schlangen an den Tankstellen. Niemand sprach
darüber, doch alle haben Angst. Eine unsichtbare Hand legte sich an unsere
Kehlen und konnte sich jeden Moment schließen.

Mittags telefonierten wir mit Steffen. Wir brauchten endlose
Versuche, da das Handynetz völlig überlastet war. Als wir ihn endlich erreichten,
schaltete ich die Freisprechanlage an, damit auch Paul mithören konnte. Obwohl Steffen,
wie jedem anderen Polizisten in Deutschland, Stillschweigen auferlegt wurde und
man ihn dafür hätte feuern könnte, redet er mit uns über die drohende Gefahr.
Seine Zusammenfassung der Dinge ließ mich schaudern.

„Das Operationszentrum Hessen hat Frankfurt bereits
aufgegeben. Es wird keine Anstrengung mehr unternommen das Stadtgebiet zurück
zu erobern. Einsatzkräfte der Bundeswehr und die verbliebenen Polizeikräfte
versuchen die letzten Überlebenden des Angriffs zu evakuieren, aber diese
Bestrebungen werden sehr bald eingestellt werden. Es würde einfach zu viele
Opfer kosten, um auch die letzten Menschen zu retten.“
Es war also so schlimm, wie wir erwartet hatten.  „Was habt ihr also vor?“
„Wir werden versuchen das gesamte Stadtgebiet unter
Quarantäne zu stellen.“
„Das hat doch noch nicht mal beim Hauptbahnhof geklappt“,
bemerkte ich.
Sein Schweigen dazu sagte alles.
„Wann werden sie Darmstadt erreichen?“ Meine Frage lag auf
der Hand, erschreckte mich aber selbst. War es wirklich schon soweit, dass man
über eine Flucht nachdenken musste? Gab es keine Möglichkeit die wandelnden
Toten aufzuhalten?
„Wir gehen davon aus, dass sie sich wie in den Filmen
verhalten. Sie werden den Flüchtlingen folgen oder sich von Wohngebiet zu
Wohngebiet vorarbeiten.“
„Ähnlich einer Spur von Brotkrumen“, vollendete ich.
„Ja! Wir gehen daher davon aus, dass sie sich sternförmig
ausbreiten. Wir evakuieren bereits angrenzende Dörfer. Die Bundeswehr wird im
Laufe des Tages Drohnen starten. Die Luftaufklärung wird uns zumindest die
größeren Feindbewegungen zeigen.“ Im Hintergrund hörten wir Fahrzeuge und
gerufene Befehle. Steffen beeilte sich: „Verlasst in den nächsten Tagen
Darmstadt und die nähere Umgebung. Sollte irgendetwas schiefgehen, schlagt euch
zum Hauptbahnhof durch. Dort wird gerade ein Evakuierungszentrum errichtet.“
Dann brach die Verbindung ab.
Gegen Abend klingelte es an der Wohnungstür. Alex! Kaum hatte
ich die Wohnungstür geöffnet, fiel sie mir auch schon um den Hals. Sie weinte.
Ich war so baff, dass mir die Worte fehlten. Ich zog sie sanft in unseren Flur
und bugsierte sie vorsichtig ins Wohnzimmer. Paul nickte mir nur kurz zu und
verschwand mit seinem Kaffee in der Küche. Für einen logisch strukturierten
Menschen, pflegte er eine überraschend einfühlsame Seite.
Bei einem Tee beruhigte sie sich langsam. Ihre Eltern waren
am 30.10. am Flughafen. Anscheinend wurden sie in die Kämpfe zwischen der
Polizei und den Einreisenden hineingezogen. Die letzten Tage und Wochen verbrachte
sie mit Identifizierung ihrer Leichen, der Beerdigung und allem anderen. Sie
zitterte am ganzen Körper.
Wir redeten und redeten. „Du bist nicht allein“, sagte ich
und fühlte, dass es keine Worthülse war.

Sie blieb über Nacht. Ich wollte ihre Situation nicht
ausnutzen und schlief auf der Couch. Als ich mitten in der Nacht erwachte, stand
sie vor meiner Couch. „Ich will nicht allein schlafen“, sagte sie. „Komm ins
Bett.“ Wir lagen zusammen, gaben uns Halt, in einer aus den Fugen geratenen
Welt.

Freitag 04.11.16

Als ich heute Morgen erwachte, fühlte ich mich wie gerädert.
Ich hatte schlecht geschlafen, gelinde ausgedrückt. Es dauerte ewig, bis ich
überhaupt Schlaf fand. In meinem Hirn jagte ein Gedanke den anderen. Wie
entkamen die Zombies aus der Quarantäne? Der Sicherheitsring der Bundeswehr hatte
doch so perfekt gewirkt. Wie hatten sie so lange unentdeckt bleiben können? Sie
waren plötzlich überall gewesen. Waren sie durch die U-Bahntunnel gekommen? So
ging es hin und her, natürlich ohne Ergebnis. Alpträume ließen mich immer
wieder auffahren. Immerhin schrie ich nicht die Bude zusammen, denke ich.

Die Protagonisten in Büchern und Filmen erwachten morgens
immer tiefenentspannt und konnten zur Tat schreiten. Ich dagegen kämpfte mich
mühsam aus dem Bett und schaltete den Kaffeeautomaten ein, der einzige
wertvolle Gegenstand in unserer Wohnung. Ein Geschenk meiner Eltern, als das
Arbeitspensum zur Abschlussprüfung hin zunahm. Einen Cappuccino später war ich
hellwach.
In Frankfurt regieren die Untoten. Ein Gedanke, der sich
immer und immer wieder in meinem Hirn wiederholte. Paul und ich hatten bis spät
in die Nacht fern gesehen. Es wurde zwar verbissen gekämpft und an manchen
Stellen geriet der Vormarsch der Zombies ins Stocken, doch es zeichnete sich
ein Sieg der Untoten ab. Klare Frontlinien gab es nicht und jedes Opfer bildete
den Nachschub für die Zombies. Die Journalisten verglichen die Szenen mit denen
eines Bürgerkriegs. Wer Frankfurt verlassen konnte tat dies. Schnell waren die
Autobahnen und Ausfallstraßen überfüllt gewesen. Wer sich in seiner Wohnung
einschloss, würde früher oder später ein Opfer der wachsenden Untotenarmee
werden.

Ich raffte mich auf und holte Brötchen, Croissants und
Baguettes beim nahen Bäcker. Ein fast surrealer Vorgang, wenn man die aktuellen
Geschehnisse bedachte. Doch der menschliche Körper benötigt Nahrung, auch in
Krisenzeiten.
Als ich das Geschäft betrat, bediente der Chef selbst. Seine
sonst so zuverlässige Fachverkäuferin Maria fehlte und die Schlange wurde
länger und länger. Hatte sie mir nicht erzählt, sie wolle Freunde in
Sachsenhausen besuchen? War sie dort gewesen, als die Zombies einfielen? War
sie vielleicht mittlerweile (un-)tot?
Die Menschen in der Schlange waren unruhig, genervt und
hatten etwas Gehetztes in ihren Blicken. Mehr als einmal gerieten die Wartenden
wegen Nichtigkeiten aneinander. Im Gegensatz dazu wurde wenig gesprochen, doch
diejenigen, die es taten, sprachen nur über ein Thema, Frankfurt. Als ich ging,
hing eine unausgesprochene Frage in der Luft: Wann würde Darmstadt zum Ziel
werden? Niemand glaubte an eine Eindämmung des Virus.

„Alex hat angerufen“, begrüßte mich Paul. 
Ich reichte ihm
meine Ausbeute und wir richteten den Frühstückstisch her. „Was wollte sie“,
fragte ich ehrlich überrascht. „Hat sie nicht gesagt, wollte aber zurück
gerufen werden.“ Paul lächelte vielsagend. 
Ich teilte seine Anspielung nicht.
Klar, dass letzte Date war gut gelaufen. Sehr gut sogar, aber danach hatte Alex
den Kontakt von ihrer Seite gekappt. Der Grund war mir unklar. So überraschte
mich ihr plötzlicher Anruf.


Nach dem Frühstück rief ich zurück. Ich erhielt jedoch keinen
Kontakt.

Donnerstag 03.11.16 - Teil 3

Beklommen verfolgten wir, wie der Kameramann auf den Opernplatz zuhielt. Vor ihm und zu beiden Seiten flohen Männer Frauen und Kinder. Eine junge Mutter zog ihre kleine Tochter hinter sich her, während ihr Mann ein Baby in den Armen hielt. Gemeinsam strebten alle zum Springbrunnen in der Mitte. 

Mir stockte der Atem, als uns plötzlich Flüchtlinge entgegen kamen. Der Kameramann stoppte überrascht. Ein Schwenk eröffnete uns das volle Ausmaß der Situation. Wir waren umzingelt. Von allen Seiten stürmten Menschen heran, gejagt von blutüberströmten Zombies, die gierig ihre Klauen streckten. "Oh Gott", hörten wir durch den schweren Atem. Offensichtlich unschlüssig was zu tun sei, folgte die Kamera auf seinen Schultern seinem hilfesuchenden Blick.

"Die Oper", presste Paul zwischen den Zähnen hervor. Die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Beide fieberten wir mit dem Kameramann mit. "Verdammt, rette dich in die Oper", rief ich, wohl wissend, dass er mich nicht hören konnte. Doch offensichtlich hatte er die gleiche Idee. Mit schnellen Schritten hastete er zum Haupteingang.

Es wurde verdammt eng. Die Bilder verwischten vollends, als er die Treppenstufen hinauf sprang. In einer Entfernung von höchstens einem Meter entkam er den von beiden Seiten zuströmenden Monstren. Bevor er zwischen den sich schließenden, mächtigen Türflügeln aus massivem Eichenholz und schweren Eisenbeschlägen hindurchschlüpfte, sah er sich noch einmal um.

Es war eine Arena des Todes. Etwa hundert Menschen drängten sich verloren in der Mitte des Platzes, während die Zombies in Vorfreude auf ein Festmahl (falls sie überhaupt Freude empfinden konnten) den Kreis um ihre Opfer immer enger zogen.Einige wenige Menschen versuchten zu kämpfen oder wenigstens ihre Lieben zu schützen. Vergeblich!

Dann wendete sich die Kamera ab, da mehrere Zombies die Stufen zum Hauptportal erklommen und der Kamera zu nahe kamen. Schnell rettete er sich ins Innere der Oper. Krachend schlossen sich die Türen und der Sender schaltete zurück ins Studio. 

Den Moderatoren war jede Farbe aus ihren Gesichtern gewichen. Unter dem Eindruck der Bilder brachten sie kein Wort heraus. So traf es uns wie ein Schlag, als plötzlich ein Werbegewitter durch die herrschende Stille krachte.

Donnerstag 03.11.16 - Teil 2


Sie waren überall. Diese verfluchten Zombies kamen aus den
Seitengassen, aus den U-Bahn-Tunnels, aus den Geschäften. Schreie gellten. Die
Kamera zuckte mal hierhin und mal dahin. Von allen Seiten humpelten, trotteten
und schlurften Zombies heran. Manche leidenschaftslos und innerlich leer,
andere mit von Wut verzerrten Gesichtszügen. Die Arme ihren Opfern
entgegengestreckt, drangen sie vor.


Die kreischenden Menschen flohen kopflos mal in die eine
Richtung, mal in die andere Richtung. Die Zombies rangen jeden nieder, der
ihnen zu nahe kam. Die Kamera erfasste einen Mann in den Fünfzigern. Graues,
kurz geschnittenes Haar, schwarzer Nadelstreifenanzug, weißes Hemd und Weinrote
Krawatte. Die Krawattennadel aus Platin und das neueste Brillenmodel eines
namhaften deutschen Designers. Offensichtlich gut situiert, vielleicht ein
Manager. Doch gegen die Klauen zweier Zombies kam er nicht an. Wie Eisen
schlossen sich ihre Klauen um seine Arme und Beine. Mit aller Kraft stemmte er
sich gegen seine Peiniger, doch Sekunden später lag er auch schon auf dem
Boden. Zwei weitere Zombies kamen heran. Zu viert zerrissen sie Jackett und
Hemd und drangen weiter vor, bis Blut ihre Klauen bedeckte.


Dem Kameramann wurde es zu viel. Er stürmte am Gebäude der
Hauptwache vorbei und schloss sich dem Strom von Flüchtlingen Richtung Alte
Oper an. Auf dem Rathenauplatz passierte er eine Schützenlinie von Polizisten. Sie
bezogen Position hinter zurückgelassenen Autos, Bänken und Mülltonnen. Offensichtlich
ein Versuch die Flüchtigen zu schützen und die Zombies aufzuhalten. Ein paar
Meter hinter der dürftigen Barrikade stoppte der Kameramann, drehte und filmte
die heldenhaften Verteidiger.


Die Zombies bildeten eine heran wogende Wand verzerrter
Gestalten. Gleichgültig marschierten sie in die Schusslinie der Polizisten. Nur
zwei von ihnen waren mit automatischen Schnellfeuerwaffen ausgestattet. Die
übrigen besaßen lediglich halbautomatische Faustfeuerwaffen. Sie ließen die
Zombies herankommen, dann eröffneten sie das Feuer.


Unter der Wucht der ersten Salven stürzte eine große Zahl
der Angreifer. Gebannt beobachteten wir, wie die Untoten einen ersten Rückschlag
hinnehmen mussten. Immer mehr von ihnen fielen. Ein Hochgefühl ergriff Besitz von
mir. Die Polizisten hielten sie auf. Es war möglich sie zu töten. Wir waren
nicht wehrlos, wir besaßen eine Chance, dachte ich.



Dann, vor meinen von Grauen geweiteten Augen, erhoben sich
die Gefallenen. Mein Verstand weigerte sich diese Tatsache zu akzeptieren. Es
durfte einfach nicht sein. Langsam, aber unaufhaltsam, verdichteten sich ihre
Reihen wieder. Von hinten drängten weitere Zombies heran, die durch den Lärm
der Schüsse angelockt wurden. Sie erreichten die Barrikade und die Polizisten
mussten zurückweichen. Immer wieder streckten sie Zombies nieder und immer
wieder erhoben sie sich. Selbstverständlich erhoben sich nicht alle. Manche,
die einen Kopftreffer erhielten, blieben liegen und schienen endgültig tot zu
sein. Aber im Vergleich zur aufkommenden Flut waren es zu wenige. Mit leerem
Blick wurde eine ehemals junge, gutaussehende Frau ins Knie getroffen. Sie
reagierte überhaupt nicht, verspürte keinen Schmerz und humpelte weiter.
Schließlich kam es, wie es kommen musste. Die Waffen klickten vernehmlich, als
ihre Schlagbolzen auf leere Kammern trafen. Obwohl die Zombies kein Anzeichen
größerer Intelligenz an den Tag legten, schienen sie ein Gespür für die daraus
resultierende Schwäche ihrer Gegner zu haben. Sie beschleunigten ihre Schritte.
Sie waren immer noch relativ langsam, doch es überrumpelte einige Menschen.
Schnell wurden sie von den Zombies in Stücke gerissen. Ein Polizist, der einem
Kollegen zu Hilfe eilte wurde umzingelt. Er feuerte Hilflos in alle Richtungen,
bis auch seine Waffe leer war, dann verschwand er zwischen den Untoten.

Donnerstag 03.11.16 - Teil 1


Der Morgen danach war unspektakulär, geradezu banal. Ich war
dem Tod von der Schippe gesprungen und nun stand ich im Keller vor der
Waschmaschine und räumte die Buntwäsche ein. Noch etwas Weichspüler dazu, die
Temperatur eingestellt und es ging los. Gedankenverloren blickte ich durch die
Sichtscheibe der Wäschetrommel. Das Wasser lief ein und vermischte sich mit dem
Waschpulver, dann begann sich die Trommel zu drehen.


Ich riss mich los. „Nicht so viel Nachdenken, mehr machen“,
ermahnte ich mich. Als ich in unsere Wohnung zurückkehrte empfingen mich der
Duft von Kaffee und frischen Brötchen. Wir frühstückten am Fernseher. Immer
wieder rollte das Banner  „---Breaking News---“ auf allen Kanälen
durch das Bild. Der Zombievirus war nach Deutschland gekommen.


Mittlerweile waren alle Flughäfen gesperrt. Kein
anfliegendes Flugzeug durfte landen. Flugzeuge, denen der Treibstoff auszugehen
drohte, wurden zu Militärbasen umgeleitet und unter Quarantäne gestellt.
Niemand durfte diese Flieger für drei Tage verlassen.


Bilder vom Hauptbahnhof flimmerten über den Bildschirm.
Soldaten, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute waren im Einsatz. Das Innere des
Bahnhofs wurde jedoch nicht gezeigt. Spezialisten (Ja, es gibt tatsächlich
Spezialisten für Zombieinvasionen!!!), Sicherheitsberater und Mediziner wurden interviewt.
Man bezeichnete den Ausbruch des Virus als „unglücklichen lokalen Zwischenfall“,
von dem selbstverständlich keine Gefahr für die ganze Stadt oder die
umliegenden Gebiete ausging. Jedwede Gefährlichkeit wurde heruntergespielt. Der
„Zwischenfall“ vom Frankfurter Hauptbahnhof wurde als tragisches Unglück
dargestellt. Mein Bauchgefühl bewertete die Sachlage völlig anders.


Gegen Mittag durchforstete Paul das Internet. Überlebende
und Helfer der Bahnhofkatastrophe schilderten ihre Erfahrungen bei den
einschlägigen sozialen Netzwerken. Es überraschte uns nicht, dass viele Posts
schneller wieder verschwanden, als sie eingestellt wurden. Paul entwickelte
sich zu einer regelrechten Datenkrake. Unter Aufbietung all seiner Fähigkeiten
sicherte er Informationen, die uns halfen ein Gesamtbild zu entwickeln. Die
meisten Informationen belegten meinen Bericht des Erlebten. Allerdings gab es
Spekulationen zur Herkunft der Zombies im Bahnhof. Paul streckte sich und bog
den Rücken durch. „Gleisarbeiter berichten von ungewöhnlichen Vorfällen in der
vergangenen Woche. Rund um den Bahnhof hörten sie Schreie und leises Wispern in
den U-Bahn-Tunneln. Wahrscheinlich sind bei dem Vorfall am Flughafen einige
Infizierte entkommen und haben sich über die Tunnel unter Frankfurt
verbreitet.“ Ich nickte. „Wahrscheinlich, aber warum sind es am Hauptbahnhof so
viele gewesen?“ Er zuckte mit den Achseln. „Vielleicht Reisende von den unteren
Ebenen, die gerade frisch infiziert wurden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Die
Transformation geht sicherlich schnell, aber ihre Zahl war wirklich sehr hoch.
Ob sich da unten so viele Menschen aufgehalten haben? Warum kamen vorher nicht
flüchtende Gesunde?“ Darauf wussten wir beide keine Antwort.



Gegen 19.00 Uhr berichteten die Journalisten dann von der
Frankfurter Zeil. Auf dem Platz vor der Hauptwache fand ein Charity-Konzert
ortsansässiger Musiker statt. Mehrere Journalisten sprachen mit den Künstlern
und Passanten. Im Hintergrund waren Kerzen, Feuerzeuge und Fackeln zu sehen.
Paul und ich genossen gerade eine Kanne grünen Tees und knabberten dazu auf
einigen Mürbeteigkeksen herum, als hinter einer blonden Reporterin im hellen,
cremefarbenen Hosenanzug Panik ausbrach. Menschen sprangen auf und stürmten auf
die Kamera zu. Die Reporterin wurde zu Boden geworfen. Ein Mann sprang von
rechts ins Bild und versuchte ihr zu helfen. Er kam nicht weit. Immer mehr
Menschen drängten voran und schoben den Retter, sowie den Kameramann vor sich
her. Das Bild wackelte. Der Träger fiel und wurde unter mehreren Personen
begraben. Er konnte sich jedoch befreien. Die Kamera wurde wieder hochgehoben
und zeigte Bilder, die ich nie wieder vergessen würde. 

Mittwoch 02.11.16


Heute wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Ärzte schienen fast ein wenig enttäuscht. Ich zeigte
keinerlei Anzeichen von zombiehaftem Verhalten und meine Bluttests waren negativ.
Allerdings hätte mich interessiert, wie so ein positiver Bluttest aussah. Mehrere Offiziere der Bundeswehr ließen uns
eine fünfzig-seitige Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Ich überflog sie
nur kurz, da ich keine echte Wahl hatte. Wollte ich je wieder meine Freiheit
genießen, führte kein Weg an einer Unterschrift vorbei. Wesentlich war jedoch,
dass Vater Staat mir mein letztes Hemd nehmen würde, sobald ich etwas vom erlebten publik machte. Anschließend wurden wir mit Sammeltaxis nach Hause
gefahren. Die Fahrt war ereignislos. Keiner sprach viel. Alle standen noch unter dem
Eindruck der Ereignisse. Ich saß neben dem Schaffner, der übrigens Paul Damm
hieß. Ich war im Laufe der Ereignisse noch nicht einmal dazu gekommen seinen
Namen zu erfragen. Wir sagten uns kurz Lebewohl, dann stand ich alleine auf der
Straße und sah den Minivan an der nächsten Kreuzung verschwinden.


Als ich die Wohnung betrat kam mir alles irgendwie
surreal und fremd vor. Plötzlich stürmte alles auf mich ein. Eine Flut von
Bildern riss mich mit sich. Da war Marc, mit dem ich noch Minuten vor seinem
Tod sprach. Da waren die vielen Menschen, wie sie vor Panik kreischen, flohen
und starben. Da waren meine Verfolger, wie sie nach mir grabschten und mich zerreißen
wollten. Meine Beine gaben nach und ich sank im Flur zu Boden. Kauernd kamen
die Tränen. Ich habe mich in meinem ganzen noch nie so hilflos gefühlt.


Irgendwann ist Paul aufgetaucht. Er redete mit mir wie mit
einem kleinen Kind. Er tröstete mich, macht mir einen Tee und hört sich die
ganze Geschichte an. Er machte mir etwas zu Essen. Dann steckte er mich ins Bett.
Ich wachte mehrmals schreiend auf. Irgendwann forderte mein Körper sein Recht und
ich schlief bis zum kommenden Morgen.

Dienstag 01.11.16 - Teil 3


Wir hatten Glück mit den Gleisschaltungen. Wahrscheinlich
weil der Zug unmittelbar vor dem Angriff abfahren sollte. Gemächlich rollten
wir aus der Bahnhofshalle. Wir folgten der Trasse, die aufgrund von
Lärmschutzbestimmungen wie ein trockenes künstlich angelegtes Flussbett wirkte.
Anfangs verfolgten uns die Zombies. Als wir jedoch an Fahrt gewannen verloren
sie uns schnell. Würden sie uns trotzdem verfolgen, vielleicht den Gleisen folgen?
Erst jetzt merkte ich, dass unser schöner Plan eine gewaltige Schwachstelle
besaß. Würde unsere Flucht die Zombies aus dem Bahnhof locken und ins
besiedelte Umland treiben? Welchen Preis würde unser Ausbruch haben? Unterstützten
wir die Monster in ihrem Bestreben sich in ganz Frankfurt auszubreiten? Eine
weitere Ausbreitung mochte ich mir nicht ausmalen.


Mein Funkgerät heulte. Überrascht meldete ich mich. „Ja?“

Es
knackte vernehmlich. Im Hintergrund hörte ich schwere Maschinen –
wahrscheinlich Motoren – laufen. „Hier ist Leutnant Karl Immhof. Sie nähern
sich mit einem Zug unserem Quarantäneposten. Drosseln sie das Tempo umgehend
und bleiben sie an der roten Markierung stehen. Andernfalls werden sie und der
gesamte Zug vernichtet.“ 

Mir stockte der Atem. „Sie sind von der Bundeswehr?“ 
„Ja! Drosseln sie sofort das Tempo und bleiben sie an der roten Markierung
stehen. Andernfalls werden sie und der gesamte Zug vernichtet.“ 
„Aber wie“,
brachte ich hervor, doch er unterbrach mich rüde.
 „Halten sie endlich den
verdammten Zug an. Wir haben hier drei Leopard-Panzer stehen. Sollten sie ihnen
zu nahe kommen, werden diese ihren Befehlen gemäß handeln!“ 

Das wirkte. Ich durchbrach
meine Verwirrung und betätigte das Bremssystem. Zuerst nur auf der Einstellung
LEICHT, fuhr ich die elektrischen Bremsen langsam höher. Eine weit geschwungene
Kurve später kam der Posten in Sicht. Die Trasse war verbarrikadiert. Etwa
zwanzig Meter hinter einer roten Reihe von Straßenbauhütchen hatte man alle
Schienen entfernt. Stattdessen waren sie quer zur Fahrtrichtung eingebettet um
einen möglichen Durchbruch mit dem Zug zu verhindern. Es folgten drei Reihen
sternförmige Panzersperren, Stacheldraht und dahinter die Panzer in
Dreieckformation. Ihre Mündungen zeigten allesamt auf mich. Auf beiden Wänden
des künstlichen Flussbetts hockten zwanzig bis dreißig Soldaten. Ihre Waffen
zielten auf den Zug. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Mir fiel das Funkgerät
wieder ein. „Es wäre schön, wenn sie ihren Leuten befehlen würden, nicht auf
uns zu schießen.“
„Tut mir leid, wir haben unsere Vorschriften. Kommen sie mit
erhobenen Händen aus der Lok. Legen sie sich auf den Bauch, dass Gesicht nach rechts und strecken sie alle Viere von sich.“ 
„Was ist mit den Menschen in den
Wagons“, wollte ich wissen.
„Wir werden sie anschließend befreien. Stellen sie
sich auf eine umfangreiche medizinische Untersuchung ein.“ Damit war für Immhof
die Sache erledigt. Ich tat wie mir befohlen. 

Eine halbe Stunde später wurden
wir mit einem Gefängnisbus in die nächste Klinik gefahren. Eine Stunde später
fand ich mich in der Mensa der Klinik wieder. Vor mir ein heißer Teller
Gulaschsuppe und ein älterer Soldat. „Gibt es noch andere Überlebende“, fragte
ich, während ich die Suppe genoss. 

Er schüttelte den Kopf. „Außer Ihrer Gruppe
hat es niemand geschafft. Sie sind die einzigen Überlebenden und deshalb
benötigen wir von ihnen alle Informationen, die sie uns geben können.“ 
„Kein
Problem“, erwiderte ich. „Aber wie haben sie von uns erfahren? Woher wussten
sie, wie sie mit uns Kontakt aufnehmen konnten?“ 

Er lächelte verschmitzt. „Ein
vorgeschobener Spähtrupp meldete einen Ausbruch. Einen Zug mit drei Wagons. Da
wir in Krisenzeiten Mittel haben den Funkverkehr zu überwachen, bereitete uns
dies keine große Mühe. 
„Big Brother is watching you“, murmelte ich. 

Er lachte
breit. „Das gehört zu unseren Aufgaben. Stellen sie sich mal vor wie blind wir
auf einem Schlachtfeld wären ohne diese Fähigkeit.“ 

In den nächsten zwei
Stunden erzählte ich ihm alles, sogar mehrmals. Ich ließ nichts aus. Als wir
fertig waren sank ich erschöpft auf meinem Stuhl zusammen. Er packte seine
Papiere zusammen und erhob sich. Dann schaute er mir ernst in die Augen. „Sie
haben heute zweiundzwanzig Menschen das Leben gerettet. Das war sehr mutig.“ Er
salutierte vor mir und ging. Träge erhob ich mich und schaffte es gerade noch
in mein Zimmer. Dort fiel ich in mein Bett und schlief sofort ein.

Dienstag 01.11.16 - Teil 2



Wenn man sich nur lange genug in einer ausweglosen Situation
befindet, fallen einem die abstrusesten Ideen ein. Vergeht noch ein wenig mehr
Zeit hält man diese Ideen sogar für gut.

„Sind Sie bereit?“ Der Schaffner, ein weiterer Flüchtling
namens Steffan und ich kauerten hinter der vordersten Tür von Wagon eins. Die
Lok befand sich nur einen Meter von uns entfernt. In der vergangenen halben
Stunde hatten wir mehrere wichtige Dinge gelernt: Erstens, die Bahn baute ihre
Wagons doch stabiler als gedacht. Trotz massivem Ansturm war es den Monstren
nicht gelungen einzudringen. Zweitens, die Zombies folgten den sichtbaren Menschen
hinter den Scheiben. Drittens, aus irgendeinem Grund hatten wir mit unseren
Handys keinen Empfang. Besonders letzteres ließ nichts Gutes erahnen. Da wir
unter diesen Umständen keine Hilfe von außen erwarten durften, mussten wir uns
aus eigener Kraft retten.


Wir fassten den Entschluss alle Flüchtlinge in Wagon drei
(der von der Lok am weitesten entfernt war) zu sammeln und so die Zombies
abzulenken. Zwei Freiwillige würden dann schnell die vorderste Tür von Wagen
eins aufkurbeln und ein dritter Freiwilliger würde nach vorn zur Lok stürmen
und alles Menschenmögliche tun, um sie zum Laufen zu bringen. Dabei würde der
Schaffner aufgrund seines Knowhows zurückbleiben, Anweisungen über Funk geben
und notfalls einen zweiten Läufer instruieren, falls der erste Versuch
fehlschlug. Es war ein verzweifelter und völlig hirnrissiger Plan.


Und jetzt raten wir mal, wer sich für diese Aktion freiwillig
meldete? Genau! Warum ich die Hand hob? Keine Ahnung! Heldenmut konnte es jedenfalls
nicht sein. Dafür war ich einfach nicht der Typ. Wahrscheinlich lag es an der
spärlichen Auswahl an Kandidaten. Die meisten Flüchtlinge waren Mütter, Kinder,
Familienväter oder waren gänzlich technisch unbegabt.  Jetzt, in diesem Moment zitterte jede Faser
meines Körpers vor Angst. Hoffentlich würde ich mich erst übergeben, wenn ich
den Wagon bereits verlassen hatte. Immer wieder tauchte Marc in den letzten
Momenten seines Lebens auf. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass ich genauso
endete.


Ein Klaps auf die Schulter holte mich ins Hier und Jetzt
zurück. Ich nickte. „Viel Glück“, flüsterte der Schaffner und drückte mir eines
der Notfallfunkgeräte in die Hand, die wir in den Wagons gefunden hatten. Wenigstens
verschonte er mich mit den salbungsvollen Worten meiner Leidensgenossen. „Ich
danke Ihnen, Sie sind ein wahrer Held.“ „Viel Erfolg und passen Sie auf die
Zombies auf.“ „Ich danke ihnen im Namen meiner (ungeborenen) Kinder.“ Und was
ist mit meinen? Ich hatte immer gehofft eine Familie zu haben und im Beisein
meiner Frau friedlich zu entschlafen.


Immer wieder hob ich meinen Kopf und prüfte ob die Luft rein
war. Bisher hatten wir Glück. Als die Tür endlich weit genug offen stand,
schlüpfte ich hinaus. Möglichst geräuschlos bahnte ich mir meinen Weg zur nahen
Leiter, die ins Cockpit der Lok führte. Obwohl ich nie sonderlich religiös war,
betete ich zu Gott, dass sich kein Zombie innerhalb des Führerhauses verstecken
möge. Langsam, Schritt für Schritt, tastete ich mich vorwärts. Der Kies
knirschte leise unter meinen Füßen. Da die Zombies knapp fünfzig Meter von mir
entfernt einen riesigen Lärm machten bestand jedoch keine Gefahr gehört zu
werden.


Problemlos erreichte ich die Leiter der Diesellok.
Vorsichtig schwang ich mich der Tür entgegen. Durch das Fenster sah ich weder
Zombies, noch Leichen oder den Lokführer. Vielleicht hatte er die Flucht
ergriffen. Vorsichtig betätigte ich den Öffner. Es knirschte vernehmlich.
Hinter mir ein Fauchen. Ich riss den Kopf herum. Zwei Gleise weiter schaute eine
verkrümmte Kreatur mit blutigem Mund über den Bahnsteig, direkt zu mir herüber.
Warum war dieses Mistvieh nicht bei den hinteren Wagons? Schon schrie es
schrill auf und alarmierte die anderen Zombies. Hastig wandte ich mich wieder
der Tür zu. Der Öffner knirschte noch ein wenig mehr, aber die Tür rührte sich
nicht. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie sich eine Gruppe vom
hinteren Wagon löste und sich in meine Richtung bewegte. Verzweifelt schlug ich
gegen die Scheibe. Dann sah ich die Tür auf der anderen Seite. Ich sprang
herunter. Mit einer Geschwindigkeit, die ich mir selbst kaum zugetraut hätte,
stürmte ich um die Lok herum. Hier schien mich noch kein Zombie bemerkt zu
haben. Erneut schwang ich mich nach oben. Der Türöffner knirschte. Da tauchten
bereits die ersten Verfolger auf. Ich drückte die Tür mit aller Kraft nach
innen. Sie bewegte sich dermaßen langsam, dass ich zuerst glaubte sie würde
sich gar nicht bewegen. Es waren sieben Zombies. Einer scheußlicher als der
andere. An ihren Körpern konnte man deutlich erkennen auf welch grauenhafte
Weise sie gestorben waren. Sie hatten mich fast erreicht. Die ersten beiden,
ein Mann und eine Frau, streckten bereits die Hände nach mir aus. Endlich war
der Spalt in der Tür groß genug und ich zog mich hinein. Keine Sekunde zu früh.
Einer erwischte mich am rechten Bein. Ich stürzte. Wild fluchend trat ich am
Boden liegend um mich und erwischte den Kopf des Übeltäters, woraufhin dieser
nach hinten kippte und knirschend auf dem Kies landete. Vom Adrenalin
aufgeputscht sprang ich auf. Schon setzten die nächsten Verfolger nach, doch
ich hatte Glück. Getrieben von Mordlust und ihrem Hunger nach allem Lebendigen,
behinderten sich zwei beim Aufstieg. Mit aller Kraft, die mir noch verblieben
war, wuchtete ich die Tür zu. Zur Sicherheit betätigte ich noch das Schloss.
Hier kam niemand mehr rein.


Ich atmete auf. Das war verdammt knapp. Selbst schuld,
dachte ich. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, lautete ein altes
Sprichwort. Ich checkte kurz mein Bein. Kein Biss. Der Zombie hielt mich
lediglich fest. Dann begann ich mich umzusehen. Es war niemand zu sehen. Eine
Schiebetür führte laut Schaffner nach hinten in die Elektronik. Wenn da jetzt
ein Zombie drin wäre, hätte ich keine Chance zu entkommen. Draußen lauerten
meine Verfolger. Der Bahnhof lag fest in Zombiehand. Wo sollte ich also hin?
Vielleicht, wenn ich ihn überraschte? Glücklicherweise schluckten meine
Sneakers (Oha, ein Wortspiel! Füße hoch, der kommt flach!) jedes Geräusch.
Langsam tastete ich mich an die Milchglasscheibe der Schiebetür heran. Dahinter
war keine Bewegung zu erkennen. Die Bahningenieure hatten bei der Konstruktion
der Lok eindeutig nicht mit einem Angriff der Zombies gerechnet. Vor meinem
geistigen Auge sah ich einen sprungbereiten Zombie auf mich warten. Natürlich
konnte ich die Tür geschlossen lassen und den Zug starten. Würde ein Zombie
mich allerdings während der Fahrt angreifen und töten, würden die anderen
Flüchtlinge nicht mehr eingreifen können und vielleicht durch ein Zugunglück
sterben. Ich hatte mich entschieden. Meine Hand umfasste den Griff.
Entschlossen zog ich die Tür auf und… Das Funkgerät ertönte. Das verdammte Funkgerät
ertönte ausgerechnet in diesem Moment. Mein Herz setzte aus. Ich sprang zurück
und wappnete mich für einen Angriff. Doch er blieb aus. Der Elektroraum war
leer. Todesursache Herzinfarkt und das bei einer Zombieinvasion.



Ich ging ran. Wir besprachen uns kurz. Der Schaffner
erklärte mir detailiert, was zu tun war. An seiner angespannten Stimme bemerkte
ich, dass sich die Situation der anderen Flüchtlinge nicht verbessert hatte.
Mühsam und begleitet von mehreren Fehlschlägen startete ich die Maschinen und
brachte den Zug langsam in Fahrt. Wir mussten mit allem rechnen. Gleise konnten
quer geschaltet sein. Wir konnten auf ein Abstellgleis geraten. Alles war
möglich. So brachen wir auf und harrten der Dinge, die da kommen mochten.

Dienstag 01.11.16 - Teil 1


Ich bin heute von Hannover mit der Bahn zurückgefahren. Es
war nicht gerade erste Klasse, aber die Abteile waren erstaunlich sauber und
die Mitreisenden unproblematisch. Ich lernte Marc kennen. Er stammte aus
Frankfurt und verbrachte in Hannover ein verlängertes Wochenende bei seiner
Freundin. Er lass Einführung in die
moderne Theologie. Wer hätte das gedacht. Ein Pastor in Ausbildung. Sofort
diskutierten wir über Gott und die Welt, buchstäblich. Dazu genossen wir einen
milden Kaffee aus meiner Thermoskanne und ein paar Schokoriegel von ihm.
Schließlich kam es, wie es kommen musste.
„Wie kann Gott all das Leiden
zulassen“, fragte ich. 
„Dieser Frage muss sich jede große Religion schon seit
Beginn der Zeitrechnung stellen“, erwiderte er. „Und?“ 
„Ich fürchte auf diese
Frage gibt es keine gute Antwort. Als Christ gehe ich davon aus, dass auch das
Leid von Gott kommt.“ 

Das überraschte mich. „Gott ist also nicht gut?“ 
„Nein“,
antwortete er, „zumindest nicht nur. Hast du mal in die Bibel gesehen? Gott hat
viele Facetten. Ich weiß das Gott uns liebt, aber warum er das Leid in dieser
Welt zulässt bleibt ein Geheimnis. Es wird auch ein Geheimnis bleiben, da er
selbst ein kaum lösbares Rätsel darstellt.“ Er lächelte etwas hilflos.
„Wir
wissen also, dass wir nichts wissen“, fasste ich zusammen. 
„Wir wissen aber,
dass er uns in unserem Leiden begleitet und uns beisteht und uns manchmal sogar
rettet.“ Ich war mir nicht sicher ob ich wirklich verstand was er damit meinte.
„Und der Zombievirus?“ 

Er überlegte eine Weile. „Darauf kann ich dir keine
Antwort geben. Manchmal schickt uns Gott eine Krankheit, weil er uns damit
etwas sagen will. Manchmal ist die Krankheit selbst eine Botschaft des Herrn.“
„Wir sind also selbst daran schuld, wenn wir krank werden? Wir haben also unser
Leid selbst zu verschulden?“ 

Er hob abwehrend die Hände. „Nein, dass hast du
missverstanden. Es mag einige Menschen geben, die ihr Leid selbst verschulden –
wenn sie z.B. zu viel trinken und am nächsten Morgen einen Kater haben – aber
Krankheiten, Schicksalsschläge, usw. kommen einfach über uns. Ich glaube
jedoch, dass sie manchmal eine Nachricht, eine Botschaft für uns enthalten.“ 

Wir schwiegen eine Weile und jeder hing seinen eigenen düsteren Gedanken nach.


Gegen 16.00 Uhr fuhren wir im Frankfurter Hauptbahnhof ein.
Ich half Marc bei seinem Gepäck. Auf dem Bahnsteig tauschten wir die
Handynummern und verabschiedeten uns. In diesem Moment kam die erste Durchsage:
„Wegen eines technischen Defekts verzögert sich die Weiterfahrt um 15 Minuten!“
Wir lachten. „Typisch Bahn“, bemerkte er. „Es ist ein Wunder, dass sie
überhaupt noch funktionierende Fahrpläne haben.“ Wir gaben uns die Hand. Ein
lauter Knall donnerte von der Eingangshalle herüber. Wir fuhren erschrocken
herum. Es war jedoch nichts zu sehen. Er lächelte. „Wahrscheinlich nur ein paar
Kids, die Böller in die Mülltonnen geworfen haben.
„Frankfurt ist eben ein
heißes Pflaster“, bemerkte ich ironisch. Dann trennten wir uns.


Ich schaute ihm noch eine Weile nach, unschlüssig ob ich mir
einen Kaffee aus dem nahegelegenen Bahnhofskiosk holen sollte oder nicht. Ich
diesem Moment schlurften verkrümmte Gestalten aus den unteren Ebenen des
Bahnhofs nach oben. Blutüberströmt, mit hängenden Armen und wirrem Blick. Es
war wie im Film. Sie torkelten auf einzelne Passanten zu und fielen sie an. Wie
wilde Bestien stürzten sie sich auf sie und bissen sie in den Hals oder in die
abwehrenden Arme, schlugen auf sie ein oder drängten sie zurück. Schnell brach
Panik aus. Ich sah Marc, wie er von Flüchtenden zu Boden geworfen wurde und in
einen Pulk der Infizierten geriet. Drei stürzten sich auf ihn, rissen ihn zu
Boden und schlugen, bissen und rangen. Ich sah wie er sich wehrte. Einen Moment
lang wollte ich hin und ihm beistehen, ihn retten. Doch es kamen immer mehr
Zombies. Eine wahre Flut ergoss sich in die Bahnhofshalle und breitete sich
schnell aus. Schon war er von einem großen Pulk umringt. Das letzte was ich
sah, war das Blut, das aus Marcs zahlreichen Verletzungen spritzte und ich
wusste, dass ich zu spät kommen würde.


Die Infizierten drangen unaufhaltsam vor. Sie nahmen den
Haupteingang ein. Mehrere Gruppen marschierten in die kleinen Geschäfte und
fielen über die Angestellten und Kunden her. Es war grauenhaft. Schreie gellten
durch die Bahnhofshalle. Das Chaos regierte. Ein paar mutige Sicherheitsmänner
der Bahnpolizei versuchten die Zombies aufzuhalten. Vergeblich! Sie wurden nach
und nach niedergerungen und in Stücke gerissen. Drei Polizisten gaben mehrere
Schüsse auf die Eindringlinge ab. Es gelang ihnen sogar einige Zombies
aufzuhalten oder sogar endgültig zu töten, doch es waren einfach zu viele. Schon
drangen sie auf die Gleise und Bahnsteige. Flüchtende mit weit aufgerissenen
Augen und von Panik entstellten Gesichtszügen stürmten auf mich zu. Einige
schafften es in ihre Züge, doch die Türen schlossen sich nicht. In den Wagons wurden
sie von den langsameren, aber unaufhaltsamen Monstren eingeholt. Ich sah, wie
sie so weit wie möglich zurückwichen. Ich sah, wie sie versuchten Scheiben
einzuschlagen. Ich sah, wie die ersten Opfer sich wieder erhoben und sich der
Zombiehorde anschlossen. Es war bizarr. Dann bewegten sie sich zielstrebig in
meine Richtung.


Endlich löste auch ich mich aus meiner Angststarre. Ich
machte auf dem Absatz kehrt und stürmte in die entgegengesetzte Richtung. An
mein Gepäck verlor ich dabei keinen Gedanken. Notfalls würde ich auf die Gleise
springen und so den Bahnhof verlassen. Nur weg von der tödlichen Meute. Doch es
war wie in einem Alptraum. Einige hatten sich schon an den Seiten der
Bahnsteige vorgearbeitet und krochen nun zwischen den Wagons nach oben. Einige
blieben dabei an den offen liegenden Stromleitungen hängen und zappelten
schrill schreiend.

„Hier rüber!“ Am Ende des Bahnsteigs stand ein Zugschaffner,
der hektisch winkend die flüchtenden Menschen zu sich rief. In Ermangelung
einer Alternative und weil ich in Panik sowieso nicht klar denken konnte,
rannte ich so schnell ich konnte auf ihn zu. Es würde knapp werden. Immer mehr
Zombies kamen von beiden Seiten nach oben, aber wenigstens waren sie nicht sehr
schnell.


Ich war einer der letzten Flüchtigen, die eintrafen. Ich
sprang in den Wagon. Erst jetzt fiel mir auf, dass er ziemlich weit hinten
stand. Offensichtlich handelte es sich um einen Sammelzug, dessen Wagons in
Frankfurt aufgeteilt worden waren und in verschiedene Richtungen weiterfuhren. 
„Sind hier Zombies drin“, fragte ich, um Luft ringend. 

Er schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“ Er tippte auf dem Display an der Tür herum, drückte mehrere
Knöpfe und drehte seinen Schlüssel. Nichts passierte. Er fluchte. Mir schwante
böses. 
„Was ist?“ 
„Der Lokführer hat die Elektrik stillgelegt.“ 
„Und das
bedeutet“, wollte ich wissen.
 „Wir stecken hier fest!“ Wütend schlug er auf das
Display. „Solange der Lokführer die Systeme nicht freischaltet, können wir die Türen nicht schließen.“ Hilflos rang er die Hände. 
„Gibt es kein Notfallsystem?“ 

Das riss ihn aus seiner Ohnmacht. Verblüfft schaute er mich an. „Natürlich,
aber wir müssten die Türen Manuell schließen. Da es sich um moderne
Schiebetüren handelt müssen wir ganz schön kurbeln.“ Ohne zögern beschrieb er
den Umstehenden schrittweise, wie sie die Türen schließen konnten. Es gelang. Keine Sekunde zu früh.

Unsere Sicherheit war nur vorübergehend. Zombies waren keine
Gehirnakrobaten und in diesem Fall war eine kreative Problemlösung auch nicht
notwendig. Durch die großen Fenster sahen sie ein reichhaltiges Buffet. Schnell
umringten hunderte unseren Zug und schlugen mit Händen, Fäusten und Köpfen auf
die Scheiben ein. Einige wenige kletterten sogar auf den Zug. Wir waren gefangen.

Hektisch suchten wir nach einem Ausweg aus der Misere. Der
Schaffner versuchte über die Kommunikationsanlage Kontakt mit dem Lokführer aufzunehmen.
Er erhielt keine Antwort. Er fluchte. „Wenn es den Lokführer erwischt hat“, er
ließ den Rest unausgesprochen.


Wir schwiegen. Nur wenige Zentimeter von uns entfernt
trommelten die Zombies gegen die Türen und Fenster. Es war nur eine Frage der
Zeit, bis sie es hineinschafften. Die wenigen Flüchtenden standen in den
Gängen. Nackte Angst zeichnete ihre Gesichter. Es gab keinen Ausweg. Ich
schloss die Augen. So würde es also enden, zerfleischt von mordlustigen
Wahnsinnigen, getrieben von einem heimtückischen Virus.

Montag 31.10.16


Die Sorge um Steffen und die blutigen Bilder haben mich die Nacht über wach gehalten. Vor dem Brunch um 10.00 Uhr, entschließe ich mich, noch einen Sparziergang zu machen. Ich laufe in die nahe Fußgängerzone und organisiere mir einer alten Gewohnheit folgend Kaffee und eine Tageszeitung. Auf einer Bank mache ich es mir gemütlich und nippe an der heißen Flüssigkeit. Ich schmecke wie üblich mehr den Pappbecher, als den Kaffee. Auf einen Blick in die Zeitung verzichte ich dann doch. Ich möchte nachher nicht ständig an den Virus oder Steffen denken müssen. Ich beobachte, wie die Menschen ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Keiner scheint Angst zu haben oder wirkt unruhig. Wir leben in einem sicheren Land, beschwichtige ich mich.

Das Vorstellungsgespräch ist prima gelaufen. Nach einem einstündigen Brunch verbrachte ich den größten Teil des Tages in den Räumlichkeiten von Alternate Power Industries.
Der Geschäftsführer zeigt mir die Firma und meinen zukünftigen Aufgabenbereich.
Tim macht keinen Hehl daraus, dass er mich für den geeignetsten Kandidaten
hält. In meiner Masterarbeit habe ich mich intensiv mit der Sensibilität von
Solarzellen befasst und wie sie sich steigern lässt. Sein Nachname ist Braun,
aber alle sprechen sich mit dem Vornamen an. Typisch amerikanische
Firmenpolitik. Mir soll´s recht sein.

Als ich gegen 18.00 Uhr ins Hotel zurückkehre bin ich
erschlagen von den Eindrücken, daher gehe ich noch eine Runde in den Whirlpool.


Um einer möglichen Schlaflosigkeit vorzubeugen begebe ich mich auf einen abendlichen Streifzug durch die Hannoveraner
Innenstadt und finde einen Salsa-Club. Ich habe schon ewig nicht mehr getanzt.
Drei Lieder und zwei Tanzpartnerinnen später bin ich in meinem Element. So
bemerke ich die SMS von Steffen erst, als ich zurück im Georgshof bin. „Vielen
Dank für deine Anteilnahme. Kein Grund zur Besorgnis. Ich lebe noch.“ Die
Nachricht ist auffallend kurz.

Sonntag 30.10.16


Die Bahn hat zwar wieder eine kleine Ewigkeit gebraucht,
aber das Hotel ist der Hammer. Mit Blattgold verzierte Badezimmerarmaturen. Dekadenter geht es kaum. In meinem Bett können locker zwei Personen schlafen und die Gerichte vom Zimmerservice ein Traum. Mein perfekt angerichteter Kaffee hat ein kompliziertes Pflanzenmuster in seiner Crema. Ich genieße dazu gerade ein gewaltiges Stück Erdbeertorte, als im Fernsehen die Bombe Platzt.


++++++++++++++++++++++++++Breaking News+++++++++++++++++++++++


Ausnahmezustand am Frankfurter Flughafen. Schwere Kämpfe
zwischen der Polizei und aus Afrika kommenden Reisenden. Dreißig Tote, zwanzig
zum Teil schwer verletzte. Fünf Polizeibeamte getötet, drei schwer verletzt.
Die Untersuchung der tragischen Ereignisse dauert an.


++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++


Sofort greife ich nach meinem Telefon aber Steffen meldet
sich nicht. Ein Mann wie ein Bär. Wahrscheinlich ist ihm nichts passiert, doch
ich bin beunruhigt. Eine halbe Stunde versuche ich ihn zu erreichen, nichts.
Ich hinterlasse ihm eine Nachricht auf der Mailbox und schicke zur Sicherheit Nachrichten per SMS und Messenger. Wie gebannt verfolge ich noch eine Stunde die
Nachrichten, doch neues erfahre ich nicht.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen verlasse ich mein
Zimmer und suche den Fitnessraum des Georgshofs. Der „Raum“ entpuppt sich als
Halle und beinhaltet mehr Geräte, als mein Stammfitnesscenter. Ich wärme mich eine viertel
Stunde auf dem Hometrainer auf, wechsle für eine halbe Stunde aufs Laufband, um
schließlich bei einigen Hantelübungen meine Brustmuskeln, meinen Bizeps und
Trizeps zu trainieren. Dicke Muskelberge bekomme ich bei den aufliegenden
Gewichten nicht, aber es entspannt mich und lenkt mich von meiner Sorge um
Steffen ab.


Als ich wieder ins Zimmer zurückkehre versorgt mich der Fernseher mit neuen Infos. Viel ist es nicht, aber es werden verwaschene Bilder einer Handykamera
gezeigt. Es sind Bilder wie aus einem Horrorfilm. Menschen fallen übereinander
her. Springen einander an, schlagen, treten und beißen einander. Gebissene Menschen, die sich zuvor völlig unauffällig verhielten drehen kurze Zeit später ebenfalls durch und greifen flüchtende Passanten an. Besonders eine
Szene wird diskutiert. Ein Polizeibeamter schießt mehrmals auf einen scheinbar irre gewordenen Angreifer.
Dieser scheint es jedoch kaum zu spüren und tötet den Schützen. Die Tat ist so bestialisch, dass ich sie nicht näher zu beschreiben vermag. Ein
hinzugezogener medizinischer Berater spricht von der aufputschenden Wirkung von
Adrenalin und dem Schock durch die Treffer. Mich erinnert es eher an einen Film
über einen Fahrradkurier, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit gesehen habe.

Mittwoch 26.10.16

Ich habe endlich eine Zusage bekommen. Ein
Vorstellungsgespräch bei Alternate Power
Industries, einer kleinen legendären Klitsche.

Sie existiert erst seit zwölf Jahren und beschäftigt gerade einmal einhundert Mitarbeiter. Jeder ein Spezialist auf seinem Gebiet. Das sie mich überhaupt in die engere Wahl aufgenommen haben lässt mein Ego vorübergehend ins Unermessliche wachsen. 

Seit der Gründung von API sind alle wesentlichen
Fortschritte auf dem Gebiet der regenerativen Energien auf sie zurückzuführen. Und sie wollen wirklich mich! Ich kann es
kaum glauben. Paul meinte nur trocken: „Den Seinen gibt´s der Herr im
Schlaf.“  

Mir egal. Am Sonntag fahre ich
mit der Bahn nach Hannover. Am Montag findet das Vorstellungsgespräch beim
Brunch im Georgshof statt, in dem ich für drei Nächte einquartiert werde. Ein
echtes Luxushotel. Da könnte ich mich dran gewöhnen.

Samstag 22.10.16

Steffen hat mir abgesagt. Wir waren im selben Abiturjahrgang und haben so manche Nacht durchgezecht. Über die Jahre hat sich eine Tradition herausgebildet. Am letzten Samstag im Monat gehen wir ins Kino. Wir haben denselben Geschmack bzgl. wirrer und abgefahrener Filme, die sonst keiner sehen will. Wir wollten gemeinsam in den neuen
Film mit Robert Downey jr. gehen, doch seit dem Zwischenfall am Frankfurter
Flughafen hat man die Sicherheit an den großen deutschen Flughäfen verstärkt. Jeder verfügbare Polizist ist im Einsatz. 
Er hat die Aufgabe die am Terminal 2 ankommenden Passagiere zu überwachen. Er
war sehr wortkarg am Telefon. Das ist er immer wenn er sehr nervös ist. Ich verstehe ihn.
Auch wenn er bei der Schießerei am Donnerstag nicht dabei war, die Aussicht,
vielleicht auf kranke Menschen schießen zu müssen, belastet ihn sehr. 
Steffen ist Polizist aus Überzeugung. Er wollte schon immer Menschen helfen und sie gegen Ungerechtigkeit und Gewalt verteidigen. Auf einen Unschuldigen zu schießen ist eine ganz andere Sache.

Freitag 21.10.16

Eine Woche ist vergangen. Ich hatte keine Lust zu schreiben. Ich hatte keine Lust irgendetwas zu tun.
Alex hat sich seit unserem Abend in der Krone nicht mehr gemeldet. Seit Tagen
bin ich genervt, aggressiv und ziemlich enttäuscht. Kann ich die Signale so
missverstanden haben? Wir waren wie verliebte Teenager. Wir haben getanzt,
gelacht und uns geküsst. Seitdem Funkstille. Sie geht nicht ans Telefon und
beantwortet keine meiner Nachrichten. Das war es dann wohl. Warum sollte sich
eine so tolle Frau auch für mich interessieren. Selbstbewusst ist anders!

Paul dagegen sieht die Sache entspannt. Es betrifft ihn ja
auch nicht! Seine Maxime lautet:

„Kein Mann wird je in
der Lage sein die Frauen zu verstehen!“

Da scheint was dran
zu sein.

Auch meine Versuche mit Carsten Kontakt aufzunehmen bleiben
erfolglos. Ich mache mir Sorgen um ihn. Die Nachrichtensender bringen wieder
eine Sondersendung nach der anderen. Gestern kam es zu einer Schießerei am
Frankfurter Flughafen. Ein Mann vom Grenzschutz erschoss einen jungen Mann aus
Benin, einem kleinen Land westlich von Nigeria. Der Mann war anscheinend von
der afrikanischen Seuche befallen und brach aus der Quarantänestation aus. Der
Grenzschützer sah sich gezwungen zu schießen, als der Afrikaner mehrere wartende
Touristen angriff und zum Teil lebensgefährlich verletzte.


Immerhin hat die TU mein Abschlusszeugnis geschickt.
Notendurchschnitt 1,2. Ich bin vor Stolz fast geplatzt. Das hat mir Auftrieb gegeben. Sofort habe ich es
kopiert, die Kopien beglaubigen lassen und zwanzig Bewerbungen losgeschickt.

Freitag 14.10.16

Endlich Wochenende. Heute habe ich Alex getroffen. Ich ging
gerade über den Luisenplatz und plötzlich stand sie vor mir. Sie ist nicht nur hübsch und sexy, sondern schlichtweg schön. Sie strahlt eine Lebenslust aus, die mich mitreißt. Wir trinken einen Kaffee zusammen. Eine Stunde vergeht wie
im Fluge. Ich lade sie für morgen Abend zu einem Konzert in der Krone ein. Sie
stimmt sofort zu. Ich bin der glücklichste Mann auf der ganzen Welt.

Carsten meldet sich wieder. Nichts Neues von der
Seuchenfront. „Mittlerweile steht das Camp unter militärischem Schutz. Wir
wissen auch nicht warum.“ Er sieht abgekämpft aus. Seine schwarz geränderten
Augen liegen tief und sind nur halb geöffnet. „Allerdings sind immer wieder Schüsse zu hören. Einige Kollegen vermuten die
Machenschaften ortsansässiger Warlords. Wahrscheinlich versuchen sie an unsere
Medikamente und drogenähnliche Substanzen heranzukommen.“ Die Verbindung ist
schlecht und bricht nach nur fünf Minuten zusammen.

Dienstag 11.10.16

Beinahe
hätte ich heute nichts geschrieben. Meine Gedanken sind zwischen meiner beruflichen und privaten Zukunft gefangen. Welche Jobangebote (neben API) werde ich erhalten und welches sollte ich schließlich annehmen? Dann spukt mir ständig Alex durch den Kopf und schließlich gibt es da noch diese seltsame afrikanische Seuche. 
Überraschend meldet sich Carsten gegen 19.00 Uhr über Skype. Er behauptet es gehe ihm gut, doch er sieht
richtig fertig aus. Schwarze Ränder unter den Augen sprechen von zahlreichen durchgearbeiteten Nächten.
Es ist ein kurzes Gespräch. 
„Wir wissen immer noch nicht, mit was wir es hier zu
tun haben.“ Er schüttelt hilflos den Kopf. 
„Wir sind in einer Zeltstadt
untergebracht. Raus dürfen wir nicht. Wir sind vollkommen abgeschirmt. Niemand
lässt uns auch nur in die Nähe eines Patienten. Gelegentlich erhalten wir Blut-
oder Gewebeproben. Leider stammen sie meist von Verstorbenen. Mit totem Gewebe kann man einfach nicht so viele Tests machen. Vielleicht können wir in den
nächsten Tagen ja mehr erreichen.“

Montag 10.10.16

Hier in der Lauteschlägerstraße ist wieder der Alltag
eingekehrt. Ich bin seit gestern Abend wieder zurück und Paul hat heute den Zuschlag für eine von zwei Doktorandenstellen
seines Fachbereichs erhalten. Kurz nach Erhalt des Anrufs stürmte er hinüber
zum Verwaltungsgebäude und unterschrieb den Vertrag. Mittags nahm er
dann sein erstes eigenes Büro in Augenschein. 
Ich freue mich für ihn und bin
gleichzeitig ein bisschen neidisch. Meine Zeugnisse sind noch immer nicht
eingetroffen. Um für meinen Lebensunterhalt aufzukommen, verbringe ich den
größten Teil des Tages bei unglaublich selbstbewussten Abiturienten, die zum Ausgleich in Mathe große Lücken haben und gebe ihnen
Nachhilfe.